Prozessauftakt: Angeklagter gesteht Raubüberfall auf Kißlegger Friseursalon

Ravensburg (sz) Ein 34-Jähriger muss sich wegen eines Raubüberfalls mit einem Messer auf einen Friseursalon in Kißlegg vor dem Landgericht Ravensburg verantworten.

Vor dem Landgericht Ravensburg muss sich ein 34-Jähriger wegen des Vorwurfs des schweren Raubes verantworten. Er hat im November vergangenen Jahres in Kißlegg einen Friseursalon überfallen, die Friseurin mit einem Messer bedroht und die Geldkassette mit den Worten erpresst: „Geld her oder ich stech‘ dich ab.“ Vier Wochen später wurde er nach akribischer Polizeiarbeit und Zeugenaussagen gefasst. Nach anfänglichem Leugnen hatte er die Tat schon damals eingeräumt. Vor Gericht schilderte er sein Motiv und seine Vorgeschichte.

In Fußfesseln und Handschellen wurde der Angeklagte am Dienstag in den Gerichtssaal geführt, wo ein mit Zuschauern gefüllter Zuhörerbereich auf ihn wartete. Der von Rechtsanwalt Uwe Rung verteidigte Angeklagte machte es dem Gericht unter dem Vorsitz von Franz Bernhard leicht, die Tat samt Beweggründen zu rekonstruieren. Denn er sagte aus. In seinen Schilderungen berichtete er aus seiner nicht einfachen Kind- und Jugendzeit, in der er bei der Oma aufgewachsen sei und dann bei der Mutter lebte, bis diese ihn aus der Wohnung warf, als er erst 14 Jahre alt war.

Der Beschuldigte machte an der Hauptschule nach eigenen Angaben dennoch einen guten Abschluss. Eine begonnene Ausbildung allerdings brach er ab. Das habe nicht funktioniert, sagt er. In der Folge war er unter anderem in mehreren Hilfsjobs tätig, aber auch arbeitslos. Später wurde der Mann als Maschinenführer angelernt, erfüllte eigenen Angaben zufolge diese anspruchsvolle Aufgabe zur Zufriedenheit seines Arbeitgebers und verdiente 1800 Euro netto. Nach Ansicht von Richter Franz Bernhard sei dies „nicht so schlecht als ungelernte Kraft“ gewesen.

Angeklagter berichtet von komplizierter familiärer Situation
Die familiäre Situation war weniger gut. Seit einer Scheidung habe er keinen Kontakt mehr zur Tochter. „Nicht wirklich“ sei er seinen Unterhaltsverpflichtungen nachgekommen, räumte er auf Fragen des Richters ein. Mit etwas über 2000 Euro sei er im Rückstand. Andere Schulden mit 6000 Euro seien überschaubar. Eine neue Beziehung ging der Angeklagte vor wenigen Jahren ein und wurde erneut Vater. Doch auch diese Beziehung ging in die Brüche. Ein „Schock“ sei für ihn gewesen, als er während einer weiteren Beziehung erfuhr, Ende Mai diesen Jahres erneut Vater zu werden.

Alkohol und Drogen seien Probleme für ihn, bekannte der Mann. Nach seiner ersten Scheidung begann er intensiv zu trinken, zunächst vier bis fünf Flaschen am Abend, später waren es zehn Bier und Schnaps – jeden Abend „auf dem Sofa“, erzählte der Angeklagte. Manchmal habe er trinken müssen, damit das Zittern aufhört, berichtet er. Nach etwa einem Dreivierteljahr habe er die „Reißleine“ gezogen. Der Grund: Die Fehltage im Job häuften sich. Zwischen Juni und Oktober vergangenen Jahres sollen sich so 30 Tage aufgebaut haben, was den Arbeitgeber auf den Plan rief. Er erhielt nochmals eine Chance – und habe weiter getrunken. Bis zu seiner Inhaftierung gehörten Bier und Schnaps zu seinem täglichen Rhythmus. Hilfe nahm er nicht in Anspruch, stattdessen habe er Cannabis angebaut.

Es war der schließlich 16. November 2018, als der 34-Jährige schon morgens zu Trinken begann und Geld am Automaten abheben wollte. Doch auf dem Konto war nichts mehr für den restlichen Monat. Weshalb er „nicht viel überlegt“ haben will, als sich anschickte, sich Geld auf anderem Weg zu besorgen. Aus der Küche holte er sich ein Messer mit einer 13 Zentimeter langen Klinge, zog sich schwarze Kleidung an und erinnerte sich an eine „Spiderman“-Maske, die er zunächst einsteckte und kurz vor dem Überfall über den Kopf zog.

„Erstbestes“ Geschäft in Kißlegg überfallen
Das „erstbeste“ Geschäft in Kißlegg habe er überfallen wollen, berichtet er. Gegen 18.15 Uhr – es war schon dunkel – erreichte er an dem Freitagabend auf einem Seitenweg über die Aach den Friseursalon, sah drinnen eine Frau stehen. „Ich wollte einfach Geld“, lässt er das Gericht wissen. Die Maske über den Kopf und Handschuhe übergezogen, das Messer in der Hand, ging er in den Salon, drohte der Friseurin mit verstellter Stimme und den Worten: „Die Kassette her oder ich stech‘ dich ab.“ Doch die Überfallene wollte die Kassette nicht hergeben. Es kam zum Gezerre, ehe sie ihr der Angeklagte entriss und davonrannte.

Über den Seitenweg, auf dem er gekommen war, flüchtete der 34-Jährige, warf das Messer in die Aach, entsorgte auch die Maske, versteckte die Kassette hinter einem großen Stein und ging nach Hause. Gegen 21 Uhr kehrte er zurück, holte die Kassette aus dem Versteck und brach sie mit einem Stein auf. Inhalt: Um die 450 Euro. Anschließend ging er in eine Kneipe. Was dort und im Anschluss geschah, daran wollte er sich während der Verhandlung nicht mehr erinnern können. Am Morgen danach sei es ihm schlecht gegangen, habe er die Tat bereut. Montags ging er wieder zur Arbeit.

Verlorene Münzen helfen bei der Aufklärung
Ein Kripo-Beamter bestätigte im Zeugenstand den Verlauf der Flucht und gab Einblick in die von Zeugen unterfütterte Ermittlungsarbeit. So habe man mit Hilfe eines Polizeihundes und vom Angeklagten verlorenen Münzen den Fluchtweg ein Stück weit rekonstruieren können. Einen Tag nach der Tat hatte sich ein Zeuge gemeldet, der in der Wolfegger Aach das Tatmesser entdeckt hatte, das die Wangener Polizei dann barg. Taucher der Wasserschutzpolizei fanden im Wasser die Geldkassette und die Maske des Täters. Einer Zeugin war im Bereich der Tatzeit eine maskierte Person aufgefallen, die etwas „Klapperndes“ unter dem Arm hatte, das sich später als die geraubte Kassette entpuppte. Später fiel ihr der Mann noch einmal auf.

Die Hinweise auf den Täter häuften sich, auch von der Polizei in Leutkirch und Konstanz sowie vom Landeskriminalamt. Dessen Beamte meldeten passende DNA-Ergebnisse. Sie hatten Utensilien des 34-Jährigen überprüft, die ihnen von der Polizei überlassen worden waren. Am 14. Dezember 2018 wurde der Angeklagte festgenommen. Der Prozess wird an mehreren Tagen fortgesetzt.

Quelle: www.schwaebische.de

2019-05-23T14:52:27+01:00