Mord in der Nachbarschaft

Der 15-jährige Florim S. hat gestanden, im Schwäbischen seine Nachbarin erschlagen zu haben. Nun beginnt der Prozess gegen den Teenager und einen Freund. Es gilt zu klären, inwieweit sie ihre Clique einweihten – und warum keiner einschritt, um den Mord an der 26-Jährigen zu verhindern.

Hamburg – Bad Buchau nahe Ravensburg hat 4000 Einwohner und darf sich „Kurstadt“ nennen. Anonymität, so sagt Bürgermeister Peter Diesch, gebe es hier nicht. Entsprechend stark erschütterte der Mord an Daniela K. den in der schwäbischen Provinz versunkenen Ort. Vor allem die Kaltblütigkeit, mit der der jugendliche Haupttäter agiert haben soll, bestürzte. Denn Florim S. leugnete den Ermittlern zufolge keinen Augenblick lang, Daniela K. in deren Wohnung überfallen und mit einem Brecheisen so lange auf sie eingeschlagen zu haben, bis sie starb.

Im Gegenteil. Der 15-Jährige soll im Verhör nüchtern zu Protokoll gegeben haben, wie er seine 26-jährige Nachbarin tötete. Die Tat habe ihn äußerlich nicht im Geringsten tangiert, sagte eine Polizeibeamtin nach den Vernehmungen.
Am Montag beginnt vor der Jugendkammer des Landgerichts Ravensburg der Prozess gegen Florim S. und seinen 17 Jahre alten Freund Martin K. wegen gemeinschaftlichen Mordes.

Am 15. April vergangenen Jahres basteln sich die beiden Teenager aus schwarzen T-Shirts Sturmhauben. Sie setzen sie auf und fotografieren sich dabei mit dem Handy. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft Ravensburg haben sie einen Plan: Sie wollen ins Nachbarhaus einbrechen, Wertsachen klauen und das Diebesgut verscherbeln. Florim S. besorgt ein Brecheisen, eine Schreckschusswaffe und Klebeband. Wenn etwas „schief läuft“, wollen sie notfalls jemanden umbringen – so die Ermittler.

Und „es läuft schief“. Florim S. klettert demnach gegen 14 Uhr allein über den Balkon in die Wohnung der jungen Frau, das abgeschnittene Shirt als Maske über den Kopf gezogen. Doch Daniela K. erkennt nach Ansicht der Staatsanwaltschaft den Nachbarsjungen sofort. Florim, ein schlaksiger Fußballer, soll die 26-Jährige überwältigt, geknebelt und gefesselt und ihre Augen und den Mund mit Klebeband umwickelt haben. Anschließend habe er mit dem Brecheisen auf den Kopf der Frau eingedroschen.

Während Daniela K. stirbt, hören die eingeweihten Jugendliche Musik

Anschließend verständigt Florim S. seinen Freund Martin K. Der 17-Jährige zeigt sich nach Angaben der Ermittler angewidert. Doch er schreitet nicht ein, hält seinen Kumpel nicht davon ab, weiterhin auf das wehrlose Opfer einzuschlagen. Er läuft über die Straße ins Nachbarhaus, in dem er mit seinen Eltern wohnt. In seinem Zimmer sitzen sechs weitere Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren, Freunde von ihm und Florim, und hören Musik.

Laut Ermittlungsakten soll er die Jugendlichen informiert haben, was sich im Nachbarhaus gerade abspielt. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Daniela K. zu diesem Zeitpunkt noch am Leben war. Doch keiner der anderen Teenager reagiert. Keiner greift zum Handy und alarmiert die Polizei. Keiner verlässt das Haus.

Florim prügelt den Akten zufolge im gleichen Moment weiter auf sein Opfer ein. Laut Staatsanwaltschaft schlug er noch zu, als die gefesselte Frau längst tot ist. Daniela K.s einjährige Tochter schläft im Zimmer nebenan. Die junge Mutter stirbt an einer Schädelfraktur und einem schweren Hirntrauma. Ihre Leiche schleppt der 15-Jährige in den Keller.

Tage zuvor hatte Florim S. im Garten seiner Eltern, der an das Mehrfamilienhaus grenzt, in dem die Familie K. lebte, ein Loch gegraben. Angeblich um dort notfalls die Leiche seines Opfers verschwinden zu lassen. Warum er sie dann doch in den Keller transportiert, bleibt unklar.

Am späten Nachmittag findet der Ehemann von Daniela K. deren Leiche. Bereits am Abend wird Florim S. festgenommen, später auch Martin K. Andere Nachbarn hatten die beiden Jungen aus dem Mehrfamilienhaus laufen sehen. Seit jenem 15. April sitzen sie in Untersuchungshaft. Florim legt ein Geständnis ab.

Der Verteidiger zweifelt das Geständnis des 15-Jährigen an

Dieses Geständnis sei genau das Problem, erklärt nun Florims Verteidiger, Rechtsanwalt Uwe Rung aus Ravensburg. Es sei unter „rechtlich unzulässigen Bedingungen“ entstanden. Der 15-Jährige sei nach seiner Festnahme zunächst zwei Stunden als Zeuge befragt worden, nach der Durchsuchung seines Kinderzimmers habe er als Beschuldigter gegolten und sei dennoch ohne anwaltlichen oder elterlichen Beistand weiterhin vernommen worden. „Da sind Aussagen zustande gekommen, die juristisch nicht verwertbar sind“, so Rung.

Die Tat habe sich in Wahrheit anders abgespielt, sein Mandant habe „an der Tötungshandlung durch Martin nicht aktiv teilgenommen“. Florim sei alleine in die Wohnung eingestiegen, habe sich zuvor versichert, dass niemand da sei, und dann seinem Kumpel die Tür geöffnet. Gemeinsam seien sie erst dann von Daniela K. überrascht worden. „Auf einmal entwickelte sich die Geschichte, wie es keiner der beiden erwartet hatte.“

Auch die Leiche hätten die beiden gemeinsam in den Keller getragen. „Räumlich ist das anders gar nicht möglich“, sagt Rung. Dazu müssten „mehrere Türen und Treppen“, darunter eine Wendeltreppe, passiert werden. „Ich halte das für ausgeschlossen, dass Florim das alleine bewältigt hat“. Der 15-Jährige wiege bei einer Körpergröße von 1,77 Meter 60 Kilo.

Rung wird versuchen, das Gericht davon zu überzeugen, dass die Tat nicht geplant war. „Wochen lang haben sich die Jugendlichen täglich in der Clique getroffen, Blödsinn geredet und sich einen Einbruch ausgemalt“, sagt Rung. „Durch eine gewisse Gruppendynamik hat sich der Plan dann hochgeschaukelt, irgendwann gab es kein Zurück mehr.“ Das Gutachten des renommierten Tübinger Kinder- und Jugendpsychiaters Gunther Klosinski stütze diese Theorie.

Laut Klosinski spiele die Beziehung zwischen Florim und Martin eine zentrale Rolle in dem Fall. Der 17-Jährige habe in Florims Leben eine Vorbildfunktion gehabt, der 15-Jährige habe regelrecht nach Anerkennung gesucht.

Wollte Florim S. mit dem Einbruch seinem Freundeskreis imponieren?

In seinem Geständnis, das Verteidiger Rung für unverwertbar hält, hat Florim beschrieben, was er getan hat – aber nicht warum. Er verließ die Wohnung seines Opfers, ohne etwas mitgehen zu lassen.

Strafverteidiger Rung müht sich, das Bild seines Mandanten in der Öffentlichkeit geradezurücken: Der Junge sei kein „kaltblütiges Monster“, er habe im Gespräch mit ihm und dem Gutachter durchaus Emotionen gezeigt, als er den Tatablauf schilderte. „Er ist durch die missglückten Erfahrungen nach seiner Festnahme verständlicherweise misstrauisch und konzentriert sich nun stark darauf, was er sagt. Das kann unbeabsichtigt emotionslos wirken. Man sollte nicht vergessen, dass mein Mandant nicht nur Täter und Angeklagter ist, sondern auch und gerade ein 15-jähriger Junge.“

In dem bevorstehenden Prozess gilt es zu klären, warum Daniela K. sterben musste. Wollten Florim S. und Martin K. mit dem Einbruch ihrem Freundeskreis imponieren?

Welche Rolle spielen diese Jugendlichen, die zum Teil dieselbe Hauptschule wie Florim oder die Realschule im benachbarten Bad Schussenried besuchen? Warum hielten sie weder Florim noch Martin von ihrem Vorhaben ab?

Zwei 15-jährige Jungen aus der Clique wurden am 23. Dezember wegen „Nichtanzeige geplanter Straftaten“ vom Amtsgericht Biberach zu Bewährungsstrafen von zehn und sechs Monaten Haft verurteilt. Das Jugendschöffengericht war davon überzeugt, dass der Einbruch und der Mord an Daniela K. von der Clique geplant worden waren. Der Richter sprach in der Urteilsbegründung von einem „abgestumpften Verhältnis zur Gewalt“. Zwei gleichaltrige Mädchen hatten vor Gericht geschwiegen. Das Verfahren gegen sie wurde bis zum Ende des Prozesses gegen Florim S. und Martin K. ausgesetzt.
Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden Jungen laut Anklageschrift gemeinschaftlichen Mord vor. Sie sollen demnach den Einbruch geplant haben, um Geld und Wertgegenstände zu stehlen und Daniela K. getötet haben, weil sie Florim trotz seiner Maskierung erkannte.

Der Vorsitzende Richter Jürgen Hutterer hat wegen der Minderjährigkeit der beiden Angeklagten die Öffentlichkeit von dem Verfahren ausgeschlossen. Fast 50 Zeugen sollen in dem Prozess aussagen – die meisten darunter sind Freunde und Schulkameraden der beiden jugendlichen Angeklagten.

Bericht von SPIEGEL Online

2017-08-29T08:13:30+02:00