„Lebensbeichte“ einer 17-Jährigen führt ins Gericht

24. November 2016 Wegen Bandendiebstahls sind am Mittwoch vier junge Angeklagte vor einem Jugendschöffengericht am Tettnanger Amtsgericht gestanden. Staatsanwältin Diana Rupflin warf drei Jugendlichen sowie einem 25-Jährigen aus dem östlichen Bodenseekreis insgesamt 34 Ladendiebstähle vor. Unterm Strich wich der Vorwurf des „Bandendiebstahls“ dem „gemeinschaftlichen begangenen Diebstahl“. Das Schöffengericht schickte die Vier mit Strafen von der Geldbuße über Jugendstrafen bis zum Freiheitsentzug von einem Jahr auf Bewährung nach Hause.

Die Taten wurden zwischen November 2015 und Februar 2016 begangen. Es waren Diebstähle im Tettnanger Norma und Kaufland, in den Häfler Supermärkten oder auch im Bodenseecenter.

Auf Diebestour gingen zunächst zwei Jugendliche. Wie die Beweisaufnahme durch Richter Martin Hussels ergab, sind sie in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen, wohnten nur noch sporadisch bei den Eltern, waren auch finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet. Sie klauten Lebensmittel, „weil wir Hunger hatten“, erzählte die angeklagte 17-jährige Auszubildende. Sie ließen aber auch DVDs, Parfums, Make-up oder Zigaretten mitgehen.

Sie haben geklaut, weil der Hunger groß war. Aber nicht nur deshalb: Sie haben auf Bestellung eines jungen Pärchens gestohlen. Bei dem 25-Jährigen und seiner 19-jährigen Freundin sind die zwei Jugendlichen in der Not untergekommen. Das Pärchen wollte helfen. „Nicht nur mit Spaghetti Bolognese kochen“, sondern eben auf deren Art: Das Pärchen schoss Fotos vom Diebesgut in den Supermärkten, verschickte diese dann über den Kurznachrichtendienst „WhatsApp“ an die zwei Jugendlichen. Die Beiden gingen dann auf Shoppingtour, lieferten die geklaute Ware ab und bekamen dafür Provision. Mehr als 150 Euro sollen es unterm Strich aber nicht gewesen sein.

Alle vier Angeklagten räumten am Mittwoch im Gerichtssaal die „vielen Taten“ (Staatsanwältin) ein. Die zwei Jugendlichen haben sich auch ausdrücklich für ihre Taten entschuldigt. Etwas anders zunächst die „Besteller“. Diese steckten „den Kopf in den Sand“ (Hussels), zeigten sich angesichts der sich anbahnendenden Gerichtsverhandlung völlig überfordert. Richter Hussels hatte auch dem Pärchen jeweils einen Pflichtverteidiger zur Seite gestellt. Der 25-Jährige hat seinen Verteidiger aber monatelang schon gar nicht kontaktiert, seine Freundin gleich mehrere Briefe der Gerichtshelferin ignoriert. Hussels machte am Anfang der Verhandlung mit Blick auf die zwei „klare Ansagen“, sprach sogar von „Unverschämtheit“. Von „Vogel-Strauß-Taktik“ war die Rede, obwohl doch so vieles auf dem Spiel steht.“ Im Laufe der Verhandlung zeigte sich Hussels aber einfühlsamer – auch die Biographie dieser zwei jungen Menschen hatte schwere Brüche erlebt. Die Frau der jungen Beziehung hatten sich auch noch nie etwas zuschulden kommen lassen. Anders übrigens wie bei den drei Mitangeklagten. Sie waren dem Staatsanwalt allesamt wegen Diebstahls bekannt.

Die vier zu höchst unterschiedlichen Strafen Verurteilten sind beim Klauen übrigens nie erwischt worden. Die etwas anderen Shopping-Touren sind aufgeflogen, nachdem die Jüngste des Quartetts nach einer Sachbeschädigung an der Graf-Soden-Realschule letztendlich von der Polizei erwischt wurde, die heute 17-Jährige dem vernehmenden Polizisten nicht nur das „Türeinschlagen“ an der Schule, sondern auch noch eine „Lebensbeichte“ gestand. Sie wollte ihr „Leben aufräumen“: Eine Diebstahlserie begangen „mit hoher krimineller Energie“ (Staatsanwältin) nahm ihren juristischen Weg

Bericht von szon.de

2017-07-21T08:03:19+00:00